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Jüdischer Friedhof Zandpad Utrecht VechtWer sich eine Radtour an der Vecht entlang von Utrecht nach Maarssen gönnt, dem kann stadtauswärts ein Gebäude auffallen, dessen Eingang nicht nur mit einem Zutritt-verboten-Schild sondern auch mit einer hebräischen Inschrift verziert ist. Der längliche Ziegelbau beherbergt eine Aula und eine Hausmeisterwohnung. Und dahinter verbirgt sich ein jüdischer Friedhof. Erst ab 1788 durften Juden sich offiziell in Utrecht ansiedeln. Zuvor waren zwar manche bereits in der Stadt tätig, beispielsweise als Händler, durften dort aber nicht wohnen. Dagegen kannten umliegende Gemeinden jüdische Bevölkerungsanteile, wie besonders Maarssen, wo sich ab dem 17. Jahrhundert zunächst viele so genannte portugiesische Juden ansiedelten, die von der iberischen Halbinsel vertrieben worden und in Richtung Amsterdam geflüchtet waren. Diese Gruppe war oft vergleichsweise wohlhabend. Später kamen auch askenasische Juden hinzu, die aus dem östlichen Deutschland und Osteuropa stammten und in der Regel zu ärmeren Schichten gehörten.

Jan Wellem Reiterstatue DüsseldorfDiese Information traf mich völlig unerwartet und ich stieß nur zufällig darauf. Im Rahmen von Vorbereitungen für Stadtführungen in Düsseldorf, die ich 2012 ins Kukullus-Programm aufnahm. Diese Führungen sind in erster Linie für Niederländer bestimmt. Und weil Düsseldorf nicht überall gleichermaßen pittoresk ist, mussten ein paar Worte zu den Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs gesagt werden.

Eine meiner Quellen war Hugo Weidenhaupts Kleine Geschichte der Stadt Düsseldorf von 1968 (4. Aufl.). Und dort ist auf Seite 190 von einem - jedenfalls aus heutiger Sicht - überraschenden Gerücht zu lesen:

"Obwohl durch die Tatsachen in keiner Weise unterstützt, wurde trotz der immer stärkeren Zerstörung das groteske Gerücht vielfach weitererzählt, Düsseldorf werde von der englischen Luftwaffe geschont, da es nach dem Krieg zu Holland kommen und die neue Hauptstadt der Niederlande sein werde." 

Oudegracht in UtrechtLassen wir die großen und ungewöhnlichen Museen Utrechts mal beiseite. Die großen wie das Catharijneconvent mit seinen immer wieder überraschenden Ausstellungen oder das Centraal Museum, zugegeben, zwar unübersichtlich wegen des labyrinthartigen ehemaligen Klostergebäudes, in dem es untergebracht ist, aber voller Highlights der Utrechter Kunstgeschichte. Die ungewöhnlichen wie das Eisenbahnmuseum (Spoorwegmuseum), ein liebenswertes kleines Krämermuseum ( Museum voor het Kruideniers-bedrijf oder Betje Boerhavemuseum), das Spieluhren- und Drehorgelmuseum Museum Speelklok , das Museum für Kunst der Aboriginals oder das Geldmuseum1  - um ein paar Beispiele zu nennen, die man nicht unbedingt in der alten Bischofsstadt erwartet. (Das interessante Molukkenmuseum wurde leider vor kurzem geschlossen). Wer Kultur, Eigenarten und Vielseitigkeit der Stadt erleben will, kann dies auch draußen unterwegs tun. Dort zeigt sich schnell: Utrecht ist eine Stadt für's Shoppen, keine Frage. Das wissen auch viele Niederländer. Wer etwas von der Stadt sehen will, kann deshalb das Zentrum am besten samstags und donnerstagsnachmittags und -abends meiden. Oder die Handtasche fest unter den Arm klemmen, den Blick voraus und leicht nach oben richten und versuchen, trotz der Menschenmengen all das andere außer den Konsumgütern zu bewundern.

Doch bei weitem nicht nur eine Stadt zum Einkaufen. Sondern auch einen alte, stolze, kulturreiche und geschichtsträchtige Stadt. Im Jahr 1122 bekam Utrecht seine Stadtrechte. Doch es ist eine viel ältere Siedlung, denn sie geht noch auf die Römer zurück. Die errichteten im Herzen des heutigen Zentrums am damaligen Verlauf des Rheins ein Kastell, über dessen Umrisse im Straßenpflaster man heute noch stolpern kann, wenn auch künstlich so eingerichtet. Denn die Straßenlage heute befindet sich auf einer höheren Bodenschicht als vor 2000 Jahren.

Jan van Scorel, Maria mit Kind, Centraal Museum UtrechtDie Renaissance in Utrecht – gab es die überhaupt? Ja, doch, durchaus. Nicht, dass hier nicht genug unternommen und hergestellt worden wäre. Die Formensprache und Ideen der Renaissance verbreiteten sich, wenn auch gelegentlich mit einiger Zeitverzögerung, von Italien aus über ganz Europa und so auch bis in die Niederlande. Doch der Lauf der Geschichte in den Niederlanden brachte es mit sich, dass viele Werke nicht, nur beschädigt oder als Fragment erhalten blieben.

Der niederländische Freiheitsstreit und damit einhergehend religiös (und anders) motivierte Unruhen der Zeit sowie deren Nebenwirkungen erwiesen sich als äußerst problematisch für den Erhalt von Renaissancekunstwerken. Denn in seinem Zuge litten viele Städte unter den Verwüstungen der Bilderstürmer, denen gerade zur Blütezeit und in den Nachwehen niederländischer Renaissancekunst zahllose Werke zum Opfer fielen.

In den Niederlanden wurden im Zeitraum zwischen 10. August und Oktober 1566 an vielen Orten Kirchen und Klöster geplündert und Kunst- und liturgische Gegenstände zerstört, zunächst in Flandern und Brabant, von wo aus sich die Wutausbrüche der Bevölkerung und mit ihr einhergehend die Aggression gegen Zeichen und Zeugen eines als korrupt und verweltlicht betrachteten Katholizismus auch in nördliche Richtung ausbreiteten. Utrecht wurde von dieser Welle des Bildersturms einigermaßen verschont. Doch hier kam es knapp 14 Jahre später zu einer argen Zerstörungswelle durch Bilderstürmer. Dies geschah anlässlich des so genannten Verrats von Rennenberg, wobei der Statthalter von Groningen George van Lalaing zu den Spaniern überlief, und traf Utrecht am 7. März 1580, sowie am 18. Juli, als das Domkapitel sich weigerte, die Kathedrale für den protestantischen Gottesdienst zu räumen. Als Abfall blieb viel Zerstörtes zunächst liegen und es dauerte noch Jahre, bis das meiste entsorgt wurde.

Kupferkessel an der Stadtwaage  DeventerDas brachte mich auf den Gedanken. Gerade noch hatten wir den schönen Frühlingstag in einem Straßencafe auf dem Brink in Deventer mit einer Portion frittierter Köstlichkeiten, einer so genannten Bittergarnituur begangen. Beim anschließenden Stadtbummel grüßte uns von der Außenmauer der ehemaligen Stadtwaage dann ein großer Metallkessel. Und wer's noch nicht wusste: Dieser diente dazu, im Mittelalter Falschmünzer in heißem Öl zu garen. Ja, richtig verstanden. So erprobt am Münzmeister des "Jonker van Batenburg" im Jahre 1434.

Es muss für den Täter, der dabei übrigens zum Opfer wird, ein scheußliches Ende gewesen sein, und für die zugeeilten Schaulustigen sicherlich auch ein schauerlicher Anblick. Dass man sich diesen Event nicht entgehen ließ, darf sicher vorausgesetzt werden. Es gab immerhin damals weder TV noch Internet zur Zerstreuung in Mußestunden.

Trotz aller Grausamkeit aber frage ich mich nun, wann die Idee geboren wurde, Fleisch und andere Lebensmittel zusammenzuknüllen und in heißes Öl zu geben und damit eine kulinarische Tradition zu beginnen, die bis heute in den Niederlanden nicht auszumerzen ist...?

23. Mai 2012

 

Nun ist Herr Gauck gerade erst im Amt, und schon hat er zwei wichtige Termine mit den Niederlanden. Der erste stand schon länger fest. Sein Vorgänger Herr Wulff hatte bereits zugesagt, die Rede zum niederländischen Befreiungstag am 5. Mai 2012 zu halten. An diesem Tag, dem bevrijdingsdag, feiert das Land seine Befreiung von der Besetzung durch die Deutschen am 5. Mai 1945. Allgemeiner auch, dass es bis heute seine Freiheit erhalten hat und Freiheit wahren und schützen will. Das Motto für die diesjährige Begehung der Feierlichkeiten ist "Freiheit reicht man weiter" (vrijheid geef je door).

Seit der ersten Rede zum 5. Mai durch Königin Beatrix im Jahr 1995 traten verschiedene ehrwürdige Damen und Herren als Redner zum Thema auf, auch solche ausländischer Herkunft. Nun sollte 2012 erstmals ein Deutscher am Rednerpult stehen. Ein Bundespräsident ist dann natürlich erste Wahl. Dumm nur, dass das Auftreten des und die kollektive Unzufriedenheit mit dem (damaligen) Bundespräsidenten dazu führte, dass Christian Wulff auch diese Aufgabe nun definitiv nicht mehr wahrnimmt.

Maarssen Dorfkirche Die bekannteren Highlights des Dorfes Maarssen, gelegen an der Vecht zwischen Utrecht und Amsterdam, befinden sich vornehmlich an eben jenem Fluss, der den Ort wichtig und idyllisch gemacht hat und noch immer eine Lebensader für ihn darstellt. Doch gibt es etwas abseits des Flusses noch ein altes Gebäude, das vermutlich vor allem Einheimischen bekannt ist. Denn man muss sich vom Vechtufer lösen, um dorthin zu gelangen: die alte Dorfkirche, oder Nederlandse Hervormde Kerk.

Die romanischen Ursprünge dieser aus dem 12. Jahrhundert stammenden Kirche sind heute nur noch an der Architektur des aus Tuffstein errichteten Turmes ablesbar. Vermutlich gehörte die Kirche, die bis zur Reformation dem Heiligen Pankratius geweiht war, ehemals zum Maarssener Schloss, dem Huys te Maersen, das 1672 zerstört wurde. Das Querschiff, der Chor und die Sakristei wurden im 13. Jh. angebaut. Im Jahr 1519 wurden auf Veranlassung des Herren von Bolenstein, Splinter van Nijenrode, weiträumige Erneuerungen am Kirchenbau vorgenommen, wobei das Tuffsteingebäude (bis auf den Turm) durch einen höheren Ziegelbau ersetzt wurde.

Die Einteilung der großen Fenster ist heute hölzern und stammt von etwa 1842. Sie weist nicht mehr das ursprüngliche spätgotische Maßwerk auf. An der Südseite des Kirchenschiffes befindet sich noch eine Kapelle der Familie Huydecoper, die dort auch ihre Grablege hatte. Die Kapelle wird durch ein schmiedeeisernes Gitter von 1721 vom Kirchenraum getrennt. Dieselbe Familie Huydecoper, die Generationen lang das Maarssener Gut Goudestein bewohnte, verfügte ab 1882 auch über einen am nördlichen Querschiff gelegenen Privatzugang zu den Herrensitzen in der Kirche. 

Nachtrag vom Sommer 2014:
Das Mauritshuis ist mittlerweile schon längst wieder in voller Pracht eröffnet. Mehr dazu sowie die passende Museumsführung gibt es hier.

[Es folgt hier der originale Beitrag von 2012-2013:]
Kein Scherz - am 1. April 2012 schließt eines der schönsten Museen der Niederlande seine Pforten. Wenn auch nur wegen Renovierungs-, Aus- und Umbauarbeiten. Neben Modernisierungen im bestehenden Gebäude sollen Teile der Räumlichkeiten des gegenüberliegenden Hauses der Sociëteit De Witte hinzugewonnen werden. Beide Gebäudekomplexe werden über einen unterirdischen Durchgang miteinander verbunden. Geplant ist, das Mauritshuis 2014 in neuer Pracht wieder zu eröffnen. Doch die Erfahrung mit Renovierungen und Erweiterungen von Museen in den Niederlanden hat in den vergangenen Jahren (leider) gelehrt, dass Dinge sich unangenehm verzögern können. Deshalb sei allen Kunstliebhabern empfohlen, sich diesen Monat noch zum ehemaligen Stadtpalast von Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen in Den Haag zu begeben, so lange es noch geht.

Das Mauritshuis am Hofvijfer in Den HaagDas Mauritshuis entstand ab 1633 als Wohnsitz für Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679), der hier am Haager Hofvijfer ein Grundstück an einer der besten Adressen der Stadt erstehen konnte. Gleiches war dem berühmten niederländischen Dichter, Gelehrten, Staatsmann und Musiker Constantijn Huygens (1596-1687) vergönnt, dessen Haus auf dem Nachbargrundstück entstand. Dieses musste jedoch im 19. Jahrhundert für den Bau des Justizpalastes weichen und existiert deshalb heute nicht mehr.

Während Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen selbst von 1636-1644 als Gouverneur in Brasilien weilte, bauten die Architecten Jacob van Campen (1596-1657) und sein Assistent Pieter Post (1608-1669) für ihn mit dem Mauritshuis etwa 1636 bis 1637 das erste wirklich klassizistische Stadtpalais auf niederländischem Boden. Dabei beaufsichtigte Constantijn Huygens die Bauarbeiten in der Zeit, als Johann Moritz sich in Übersee befand. 

Die Vecht bei Loenen Die Vecht war ursprünglich der nördlichste Rheinarm und verlief östlich an Utrecht vorbei, um sich nach etwa 40 km in das aus römischer Geschichtsschreibung bekannte Flevomeer, später in die Zuiderzee zu ergießen. Seit Utrecht im Mittelalter seine Grachten graben ließ, liegt der Beginn am Ende der nördlichen Stadtumwallung, bei der so genannten Weerdsluis. Und seit der Errichtung des Afsluitdijk im Jahr 1932, des Dammes, der die Zuiderzee von der Nordsee trennt, liegt die Mündung der Vecht nicht mehr in der Zuiderzee sondern in der Nähe von Muiden im neu entstandenen IJmeer.

Zugegebenermaßen, man mag den Anwohnern der Vecht, die von den Römern Fectio genannt wurde, Lokalpatriotismus vorwerfen, wenn sie ihren Fluss zum schönsten des Landes küren. Doch wer die Region einmal besucht hat, lässt sich tatsächlich schnell überzeugen - bisweilen sogar bei schlechtem Wetter. 

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